Das Schweigen der Hirten


Ein selbstkritischer Bischof trifft schweigsame Theologen: Wie der Dresdner Pfarrertag ein Bild der sächsischen Landeskirche malte – auch ohne viele Worte.
Über 700 Pfarrerinnen und Pfarrer trafen sich zum zentralen Pfarrertag in der Dresdner Kreuzkirche mit Landesbischof Jochen Bohl (re.). (Foto: Giersch)

Über 700 Pfarrerinnen und Pfarrer trafen sich zum zentralen Pfarrertag in der Dresdner Kreuzkirche mit Landesbischof Jochen Bohl (re.). (Foto: Giersch)

»Auch evangelische Gremien können Fehler machen«, sagte Landesbischof Bohl als stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender über das umstrittene Familienpapier der EKD. (Foto: Giersch)

»Auch evangelische Gremien können Fehler machen«, sagte Landesbischof Bohl als stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender über das umstrittene Familienpapier der EKD. (Foto: Giersch)

Für die spannendsten Punkte, murrte ein Pfarrer, bleibe einmal wieder die wenigste Zeit. Nun aber sollte es passieren: Der Landesbischof trifft auf über 700 seiner Pfarrerinnen und Pfarrer. Reizthemen gab es in den zwölf Monaten vor dem sächsischen Pfarrertag am 11. September genug: gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Ehe, ein erhitztes Diskussionsklima. Der theologische Vortrag in der Dresdner Frauenkirche und das Mittagessen im Residenzschloss waren verdaut. Jetzt lud in den Bänken der Kreuzkirche der Landesbischof zum offenen Gespräch.

Man wird Jochen Bohl nicht eine mangelhafte Vorlage vorwerfen können. Das derzeit heißeste Eisen packte er ohne Schutzhandschuhe an. »Es ist leider ziemlich viel schief gelaufen«, sagte er über die Familien-Orientierungshilfe der EKD, die wegen ihrer Offenheit auch für nicht-eheliche Beziehungen im Feuer heftiger Kritik steht. Als stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender räumte der Landesbischof ein: »Die Beratung und Verabschiedung der Orientierungshilfe stand im Rat der EKD nicht unter einem guten Stern. Da sind Fehler gemacht worden.« Eine zentrale Schwäche der Schrift ist für Bohl die mangelnde Unterscheidung zwischen den sich faktisch wandelnden Familienformen und dem evangelischen Verständnis von Ehe. Das Scheidungsverbot und dessen Verschärfung durch Jesus finde sich dort mit keinem Wort.

»Eine theologische Bestimmung der Ehe leistet die Orientierungshilfe nicht«, kritisiert der Landesbischof im Rückblick. Deshalb habe der Rat der EKD nun beschlossen, an diesem Thema weiter theologisch zu arbeiten. »Auch evangelische Gremien können Fehler machen«, sprach der Landesbischof zu seinen Pfarrern. »Versuchen Sie bitte diesen Gedanken den Menschen nahezubringen.« Ein Raunen ging durch das Kreuzkirchenschiff. Und auch ein lautes Schmunzeln. Dann Stille. Oberlandeskirchenrat Peter Meis suchte nach Rückfragen, Meinungen, Kritik. Nichts.

Also folgte erst einmal ein Zwischenbericht über den Stand einer Arbeitsgruppe zur Neujustierung kirchlicher Berufsbilder. Auch ein wichtiges Zukunftsthema, allerdings ohne Aufreger-Potential. Dann nahm Oberlandeskirchenrat Meis abermals Anlauf: »Ich kann nicht genau einordnen, was dieses Schweigen bedeutet«, versuchte er die Pfarrer aus der Reserve zu locken. »Wir leben in einer Zeit, in der man sich liebend gern – auch berechtigt – öffentlich aufregt. Was aber kaum geschieht: Diese Studie wirklich zu lesen in den Gemeinden. Es lohnt sich aber, sie in den Hauskreisen und Kirchenvorständen ins Gespräch zu bringen.«

Wieder Schweigen. Vielleicht wollen die Pfarrer einfach kein Öl mehr in diese verzehrende Diskussion gießen, mutmaßt ein Theologe in der Kirchenbank. Sie macht erschöpft und müde.

Also wieder ein Werbeblock. Etwa für den großen Gemeindethementag zur Bewahrung der Schöpfung am Buß- und Bettag in Dresden – »eine Frucht unseres Glaubens, die oft nicht die Resonanz bekommt wie andere Themen«, so Oberlandeskirchenrat Frank del Chin. Auch eine Diagnose.

Kurz vor Schluss reißt ein für Interventionen solcher Art nicht unbekannter Mann die Pfarrer aus der spätmittäglichen Ruhe. »Ich verstehe den Distanzierungszwang von der Orientierungshilfe nicht«, ruft der Leipziger Thomaspfarrer Christian Wolff in einer späten Replik auf den Landesbischof in die Kirche. »Ich halte es für gut und richtig, dass wir als Kirche zur Kenntnis nehmen, dass es sehr verschiedene Lebensformen unter uns gibt. Entscheidend ist doch nicht das Institutionelle, sondern wie der Glaube gelebt wird in den verschiedenen Lebensentwürfen.«

Von der Ehe als Schöpfungsordnung Gottes zu reden sei doch sehr problematisch, meint Wolff. »Dann bist Du kein Lutheraner mehr«, ruft ihm aus der Kirchenbank ein empörter Kollege zu. Eine Pfarrerin murmelt: »Kann man das Mikrofon ausschalten?« Andere Pfarrer applaudieren laut.

Das Gespräch hätte nun beginnen können. Nur war die Zeit um. Der Gottesdienst musste pünktlich beginnen.

Andreas Roth

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