Gebt Eure Stimme nicht ab

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Es scheint um nichts zu gehen bei der Bundestagswahl am Sonntag: der Wahlkampf ist müde, die Alternativen scheinen flau. Warum Christen trotzdem wählen sollten – und die Wahl ein biblisches Prinzip ist.
 

Einen guten Ruf sollen die Kandidaten haben und voll von Weisheit sein. Gern auch voll Heiligen Geistes. Klingt nach Wahl?

Ist auch eine, allerdings nicht für den nächsten Bundestag. Der Wahlsieger hieß Stephanus. Die ersten ­Christen hatten ihn und sechs andere Männer gerade in Jerusalem zu Beauftragten für die Armen und Schwachen bestimmt, eine Art praktizierende Sozialpolitiker (Apostel­geschichte 6).

Die Wahl war eine Idee der zwölf Apostel. Kein autoritäres Bestimmen, kein bequemes Zurücklehnen, kein religiöses Orakel, kein Los: Wahl! Ein biblisches Prinzip.

Und wenn der Wahlkampf müde ist wie in diesen Tagen, wenn sich die Sätze der Kandidaten kaum zu unterscheiden scheinen, wenn so vieles als alternativlos verkauft wird? Immer mehr Deutsche nehmen sich deshalb nur noch die Wahl, nicht zu wählen.

Der Schöpfer hat seinen Geschöpfen von Anfang an die Freiheit mitgegeben, auch diese Freiheit. Doch auch einen Auftrag gab er den Menschen mit auf den Weg: Gestaltet die Welt (1. Mose 1,28). So kam die Verantwortung in die Welt. Jesus sagte sogar: Die Pflicht zur Liebe des Nächsten. Er fasste sie in der Geschichte über einen Samariter, der einen Reisenden verletzt und elend an der Straße fand. Ein Priester war in frommen Gedanken vorübergegangen, der Samariter sorgte für ihn.

Obwohl es ein Fremder war – ähnlich fremd, wie vielen heute Billig-Löhner, alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerinnen oder syrische Flüchtlinge. Jesus wusste wie jener Samariter: Du hast immer die Wahl. Auch Nicht-Handeln ist Handeln. Auch Nicht-Wählen ist Wählen.

Auch wenn die Bibel mit keiner Silbe von Demokratie spricht, legt sie doch deren Wurzeln. Als seine Ebenbilder schuf Gott die Menschen, alle einzigartig und doch gleich. Es waren verfolgte christliche Minderheiten, die im 17. Jahrhundert in England als Erste ein allgemeines Wahlrecht forderten. Gut ein Jahrhundert später konnten sie es in Amerika umsetzen: das Urbild der westlichen Demokratie.

Die Großkirchen Europas schmiegten sich noch bis nach den Zweiten Weltkrieg lieber an Thron oder Führer. Die Botschaft der Bibel aber scheint ein idealer Humus für die Selbstbestimmung der Menschen zu sein. 88 freie Demokratien gibt es heute weltweit – 79 davon sind mehrheitlich christlich. Demokratische Revolutionen wie die von 1989 waren auch christliche Revolutionen.

Ein himmlisches Jerusalem aber ist die Demokratie nicht. Sie ist stark, weil sie so nüchtern vom Menschen denkt wie die Bibel. Die ist voll von Geschichten über Irrtümer, Fehler, verführte Mächtige und verführbares Volk. Die Demokratie ist eine menschliche Antwort auf das, was die Bibel Sünde nennt: Sie begrenzt die Macht durch immer neue Wahlen. Und kontrolliert sie. Das ist mühsam, kann öde sein und langweilig. Die Alternative wäre entgrenzte Sünde: die Tyrannei.

Bevor Stephanus in Jerusalem in sein Amt kam, beteten die Apostel. Schon das Alte Testament fragte bei politischen Entscheidungen nach Gottes Geist. Beten hilft dabei. Aber auch das Denken, kritisches Hinterfragen. Die Weisheit, dieses Geschenk Gottes (Sprüche 1). Sicher diskutierten die ersten Christen auch damals in Jerusalem vor ihrer ersten Wahl, vielleicht sogar mit scharfen Worten.

Die Bibel und auch die Kirchen kennen von Anbeginn die Macht des Wortes, die Macht des Arguments. Auf sie baut die Demokratie. Es ist eine sanfte Macht, die von dem Vertrauen lebt, das man ihr entgegenbringt. Wählt man nicht, wählt man sie ab. Stück für Stück. Erst dann hat man seine Stimme wirklich abgegeben.

Andreas Roth

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