Grüße von der Schlacht

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Über 100 000 Menschen starben bei der Leipziger Völkerschlacht. 200 Jahre danach sollen die Gefechte nachgestellt werden – die Kirche setzt dagegen auf Friedensgebete.
 

Bevor die Kanonen gezündet, die Schwerter gekreuzt und die Bajonette gestoßen werden, wäre ein Feldgottesdienst schön gewesen. So wünschten es sich die Völkerschlacht-Darsteller für den 200. Jahrestag des historischen Gemetzels, das sie mit 6000 Hobby-Soldaten auf den Feldern vor Leipzig auferstehen lassen wollen.

Der Feldgottesdienst stand schon fest im offiziellen Programm. »Er wäre auch historisch korrekt, denn es gab solche Gottesdienste mit Feldpredigern vor den Gefechten damals«, sagt Michél Kothe, der Vorsitzende des Verbandes Jahrfeier Völkerschlacht 1813. Nur fand er im Jahr 2013 keinen Pfarrer dafür. Die Kirchgemeinden der Stadtökumene in Leipzig hatten sich dagegen ausgesprochen. Es könnte der Eindruck entstehen, dass Kampfhandlungen gesegnet würden, hieß es.

»Ich finde diese Gefechtsdarstellungen unmöglich, man kann Krieg nicht spielen«, sagt Leipzigs Superintendent Martin Henker. Er verweist auf die geschätzt 100 000 Toten der Schlacht. »Was damals geschehen ist, war ein Grauen. Da kann man sich heute nicht in bunten Uniformen in die Herbst­sonne stellen und so tun als ob.«

Auch Landesbischof Jochen Bohl meint: »Ich finde das befremdlich, denn im Vordergrund des Gedenkens muss das menschliche Leid stehen. Das aber verlangt nach angemessenen Formen.«

Über solche kirchliche Kritik könne er nur lächeln, sagt der Gefechtsdarsteller-Vorsitzende Michél Kothe. »Es wirken bei uns viele Christen und Kirchenvorstands-Mitglieder mit. Krieg gehört nun einmal zur Geschichte dazu. Man kann historische Ereignisse nur Menschen nahebringen, indem man es ihnen zeigt.« Die Vereine der Gefechtsdarsteller werben auch mit Lagerfeuerromantik, Zelten und Geselligkeit. Die Stadt Leipzig wirbt mit der Völkerschlacht um Touristen.

Leipzigs Kirchen antworten mit Gedenkgottesdiensten und Friedensgebeten. In der russisch-orthodoxen Gedächtniskirche werden Kerzen an Soldatensärgen entzündet, in der Nikolaikirche findet ein Podiumsgespräch über den Beitrag der Religionen zum Frieden statt. »Die Kirche wird bezeugen, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll«, kündigt Landesbischof Bohl an. »Sie wird von der Dankbarkeit sprechen, dass heute die europäischen Völker ihre Zukunft gemeinsam und in Frieden gestalten. Und wird davor warnen, den europäischen Gedanken kleinmütig zu gefährden.«

Am 17. Oktober soll am Völkerschlachtdenkmal ein ökumenisches Friedensgebet stattfinden mit Bischöfen aus den vor 200 Jahren verfeindeten Ländern. Dass sich die Kirche so auf diese Gedenkveranstaltungen und das umstrittene Denkmal einlasse, habe bei Versöhnungsinitiativen und Friedensgruppen für harte Anfragen gesorgt, sagt Superintendent Henker.

Vor der Nathanaelkirche in Leipzig-Lindenau werden Kinder in der Gedenkwoche Luftballons mit Friedenswünschen steigen lassen – ihre Lehre aus der Völkerschlacht. Die Jungen und Mädchen werden für den Gottesdienst auch eine Szene einstudieren: Von einer verängstigten Familie mitten im Krieg, in deren Küche ein verletzter Soldat stürzt. »Wir wollen deutlich machen, wie hart das damals war«, sagt Pfarrerin Uta Gerhardt, die die Liturgie für das Schüler-Friedensgebete geschrieben hat. »Und die Brücke schlagen zu Konfliktherden heute.«

An der Baalsdorfer Dorfkirche, die 1813 nur knapp dem Feuer entkam, weiht die Gemeinde am 11. November einen Erinnerungstein für alle »Opfer von Krieg und Gewalt« ein. Darauf die Hoffnung des Propheten Micha auf das kommende Friedensreich Gottes: »Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.« Nachspielen muss ihn dann auch niemand mehr.

Andreas Roth

Mehr dazu in DER SONNTAG 41/2013 auf den Seiten 5, 8 und 11.

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