Mein Glaube ist sterblich


Im Gespräch: Der Dichter Christian Lehnert erzählt, was ihn an Paulus fasziniert und an der Kirche stört.
 
Der Leipziger Lyriker und Pfarrer Christian Lehnert sucht eine neue Sprache, um Gott zu beschreiben – und kritisiert die Kirche, wenn sie Glauben mit Wissen verwechselt.

Der Dichter und Theologe Christian Lehnert im Gespräch über sein neues Buch »Korinthische Brocken« im Liturgiewissenschaftlichen Institut an der Universität Leipzig, dem er seit über einem Jahr als wissenschaftlicher Geschäftsführer vorsteht. (Foto: Armin Kühne)

Der Dichter und Theologe Christian Lehnert im Gespräch über sein neues Buch »Korinthische Brocken« im Liturgiewissenschaftlichen Institut an der Universität Leipzig, dem er seit über einem Jahr als wissenschaftlicher Geschäftsführer vorsteht. (Foto: Armin Kühne)

Herr Lehnert, was fesselt Sie an Paulus?
Christian Lehnert: Mir ist Paulus nah, weil er aus einer Situation schreibt, die meiner religiösen Situation – und der vieler heutiger Menschen – ähnelt. Paulus hat Jesus nie persönlich erlebt, ihm wurde nicht die sinnliche Klarheit einer Heilung oder eines Wunders zuteil. Er lebte vielmehr aus einer verstörenden Begegnung mit Gott heraus, der ihm entzogen blieb und zugleich dennoch in seinem Leben prägend wirksam war. Wie Paulus erwarten auch wir Jesus als den Kommenden. Er ist als Abwesender anwesend, geglaubt, nicht geschaut.

Heißt das: Eine Rede von Gott ist unmöglich, weil er abwesend ist?

Lehnert: Nein. Denn es gibt ja die Anrede Gottes an den Menschen, das bezeugt Paulus. Paulus antwortet darauf, wie jeder gläubige Mensch antwortet. Wenn ich allerdings versuche, den Inhalt der Anrede zu beschreiben, bin ich gezwungen anders zu sprechen als von Fakten der Wirklichkeit. Wer von Gott spricht, umkreist mit Worten einen Krater.

Wie kann denn heute Gott verkündet werden?
Lehnert: Eine christliche Existenz kann heute nur eine redliche Sprache finden, indem sie subjektiv spricht von innerlichen Erfahrungen mit Gott. Indem sie die Poesie des Glaubens wiederentdeckt und die innere Bewegung des Glaubens deutlich macht. Deshalb sollte man in Bildern oder Erzählungen ins Offene hinein sprechen statt den Anschein zu erwecken, Christentum wäre ein System von Aussagen.
Es geht nicht darum, was man sagt, sondern darum, was sich in der Sprache vollzieht, welche Kraft dadurch entsteht. Es geht darum, ein Kraftfeld aus Sprache zu schaffen, das eine Beziehung zu Gott ermöglicht.

Gibt es denn im Glauben gar keine objektiven Gewissheiten?

Lehnert: Glaube ist kein Für-wahr-halten von Sätzen, sondern eine Begegnung mit dem Göttlichen, eine Beziehung. Das hat nie System, das taugt nie zu einer geschlossenen Welterklärung. Der Glaube ist ein großes Abenteuer und Wagnis.

Sie kritisieren den kirchlichen Trend, allzu verständlich und vereinfachend von Gott reden. Doch erreicht man nicht gerade dadurch die Menschen?
Lehnert: Die große Versuchung ist, das Christentum rein diesseitig zu verstehen, als Wertehorizont oder als Ethik oder als Welterklärung. Doch vielmehr öffnet das Christentum die Welt auf einen anderen Horizont hin, auf eine Weite, die über die Welt hinausweist.

Wie sprechen Sie von der Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus?
Lehnert: Man muss zunächst die Tatsache ernst nehmen, dass es keine sprachlichen Aussagen und keine seelische Substanz gibt, die irgendwie über den Tod hinaus reichen. Mein Denken und mein Sprechen und mein Glaube sind notwendig sterblich. Der Tod ist ein Riss, ein Bruch. Es gibt keine Kontinuität über den Tod hinaus. Es ist nichts, was bleibt.

Und wo bleibt der Trost?

Lehnert: In meinem Leben im Glauben, im Gebet mache ich die Erfahrung einer Beziehung, die weiter reicht als der Tod. Im Glauben erlebe ich Gott als nah und unverfügbar nahend, ich erlebe, dass in ihm alles möglich ist. Sogar das Wunder, sogar eine dauernde Schöpfung aus dem Nichts. Auferstehung ist für mich der Einbruch des ganz Anderen und nicht erklärbar, nicht denkbar, nicht vorstellbar. Es ist nur in Bilder ausdrückbar, nur ahnbar – das aufgehende Licht oder das leere Grab. Das sind Bilder für etwas, das sich dem Begriff entzieht. Da ist ein Horizont geöffnet, und ich bin mit meinem Denken am Ende – oder eben am Anfang.

Das Gespräch führte Stefan Seidel.

Hinweis: Am 10. Oktober, 19.30 Uhr liest Christian Lehnert aus seinem neuen Buch »Korinthische Brocken« im Leipziger Haus des Buches, Gerichtsweg 28.

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