Wärmestrom aus Rom

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Papst Franziskus erobert die Herzen im Sturm. Er begeistert die Menschen – weit über die Grenzen seiner Kirche hinaus. Kommt die ganze Kirche in Bewegung?
 

Seit einem halben Jahr ist der argentinische Kardinal Jorge Bergoglio Papst. Und seit einem halben Jahr kommt die Welt aus dem Staunen über diesen neuen Franziskus nicht mehr heraus. Es ist, als hätte der vitale 76-Jährige seine Kirche aus einem Dornröschenschlaf geweckt. Plötzlich kommen aus Rom keine moralinsauren Mahnungen und Abgrenzungsbemühungen mehr, sondern zärtliche Worte und berührende Gesten der Liebe.

Schon als sich Bergoglio unmittelbar nach seiner Wahl zum Papst weigerte, den verzierten purpurnen Herrscherumhang anzulegen und das prunkende Goldkreuz zu tragen, war klar: Mit diesem Papst beginnt etwas Neues. Die Wahl des Papstnamens ist programmatisch: »Wie sehr wünschte ich eine arme Kirche, die für die Armen da ist«, erklärte Papst Franziskus und ließ Taten folgen: Fußwaschung im Gefängnis, öffentliche Paraden im einfachen Auto, Predigt in Lampedusa. Die Herzen fliegen ihm zu. Nicht zuletzt dank seiner Worte, die sich verbreiten wie Lauffeuer: »Wer bin ich, über einen homosexuellen Menschen zu richten?« Oder: »Derjenige bestiehlt die Armen, der seine Güter nicht mit ihnen teilt.«

Fast im Handumdrehen verpasste Franziskus seiner erstarrt und weltfremd gewordenen Kirche ein menschliches Antlitz.

Wer ist dieser Papst und was ist von ihm zu erwarten? Um das zu erfahren, muss man das erste ausführliche Interview lesen, das Franziskus nach seinem Amtsantritt gegeben hat. Darin spricht er offen über seinen Glauben und seine Träume für die Kirche.

Es wird deutlich: Franziskus versteht sich zuerst als Arzt seiner durch Skandale und Hartherzigkeiten beschädigten Kirche: »Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss die Wunden heilen und die Herzen der Menschen wärmen.«

Doch auf konkrete Reformen will er sich noch nicht festlegen. Er betont: »Die erste Reform muss die der Einstellung sein.« Ihm gehe es, wie er betont, nicht um Verhütungsmethoden und homosexuelle Ehen, sondern um einen Geist der Barmherzigkeit, um das Wiedererlernen des Weinens und des Mitleids, kurz: um »die Verkündigung der heilbringenden Liebe Gottes.«

In diesem Sinne geht der Franziskus von Rom voran, als »ein Sünder, den der Herr angeschaut hat«, als ein »Bruder unter Brüdern«, der die Nächstenliebe in den höchsten Rang heben möchte. Der Kurswechsel dürfte in dieser geistlichen Haltung zu erblicken sein. Franziskus träumt von einer Kirche, die sich nicht »in kleine Vorschriften einschließen lässt«. Er fordert: »Wir dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Maß unserer Mittelmäßigkeit reduzieren.«

Noch ist nicht ausgemacht, ob Franziskus tatsächlich die Gleichberechtigung der Frauen und Homosexuellen in der Kirche vorantreiben wird. Es gibt bislang nur zarte Hinweise darauf, wenn er sagt: »Die Räume einer einschneidenden weiblichen Präsenz in der Kirche müssen erweitert werden.« Doch der Papst beteuert ebenso, in diesen Fragen »ein Sohn der Kirche« zu sein. Auch in Sachen ökumenischer Annäherung lässt sich derzeit noch wenig über den päpstlichen Kurs sagen.

Einzig dieses: Die Eiszeit, in der man vom Papst nur unfehlbare Verlautbarungen zum einzig wahren Kirchesein hörte, ist vorbei. Die Tore zu Dialog und Veränderungen stehen offen. In Rom scheint ein geistlicher Wärmestrom aufzubrechen, der auch evangelische Christen und nichtgläubige Menschen wärmen könnte.

Stefan Seidel

Foto: Edgar Jiménez

Buchhinweis: Antonio Spadaro: Das Interview mit Papst Franziskus. Herder Verlag 2013, 80 Seiten, 5 Euro.

Mehr dazu in DER SONNTAG 42/2013 auf den Seiten 3 und 11.

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