Mission beim Nachbarn


Neue Formen von Mission: Christen wollen hinaus zu Kirchenfernen gehen.
 
In England ist das Konzept erfolgreich. »Fresh expression« – »frische Formen für die Kirche von heute« geht neue Wege bei der Mission. In Sachsen stehen die Initiatoren noch ganz am Anfang.

Im Wohngebiet Chemnitz-Hilbersdorf haben die Methodisten ein Haus angemietet. »Checkpoint« heißt ihr Treffpunkt. Dorthin laden sie Kinder aus dem Stadtviertel zu sinnvoller Beschäftigung ein. Ein Modell für Arbeit außerhalb der Gemeinde – so könnte eine »fresh expression« aussehen. (Foto: Andreas Seidel)

Im Wohngebiet Chemnitz-Hilbersdorf haben die Methodisten ein Haus angemietet. »Checkpoint« heißt ihr Treffpunkt. Dorthin laden sie Kinder aus dem Stadtviertel zu sinnvoller Beschäftigung ein. Ein Modell für Arbeit außerhalb der Gemeinde – so könnte eine »fresh expression« aussehen. (Foto: Andreas Seidel)

Von Tomas Gärtner

Pfarrer Roland Kutsche aus Lichtenstein ist hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Ratlosigkeit. Auf einer Studienreise nach England hat der Referent für missionarischen Gemeindeaufbau im Kirchenbezirk Marienberg von einem Aufbruch in der Anglikanischen Kirche erfahren. »Die sehen sich dort einer gravierenden Säkularisierung gegenüber. Wie bei uns«, sagt er. Die Antwort der Engländer darauf nennt sich »fresh expressions of church« – zu Deutsch: »frische Formen für die Kirche von heute«, kurz »fresh X«.

Das Hauptprinzip ist ein völlig neuer Ansatz in Sachen Mission. Die bislang gängige Methode: Eine Evangelisation wird organisiert, dann wird in die eigene Gemeinde eingeladen. »Das ganz Neue bei den englischen Christen besteht darin, dass sie zu den Menschen hingehen, in die Nachbarschaft, in Netzwerke«, erläutert Kutsche. »Da weiß man vorher noch nicht, welche Form von Gemeinde entstehen könnte. Das ist völlig offen.« In der modernen Gesellschaft von heute werde an das Missionsprinzip der Urchristen angeknüpft.

In Großbritannien scheint man damit Erfolg zu haben. Inzwischen ist dort eine breite Bewegung entstanden. Anglikanische und methodistische Kirche haben in den zurückliegenden zehn Jahren etwa 3000 »fresh expressions« gegründet, in kirchenfernen Milieus. Dort setzen sie auf Beziehungsnetzwerke und gelebte Gemeinschaft. Wichtigster Unterschied zu gängigen Projekten: Eine »fresh expression« hat das Potential, eine eigene Form von Gemeinde zu werden.

Nach diesem Vorbild hat sich 2012 das deutsche Netzwerk »fresh X« gegründet. Konfessionsübergreifend: Evangelische Landeskirchen sind darin vertreten, ein katholisches Bistum, Methodisten, Vineyard-Gemeinschaften, Verbände wie der CVJM, theologische Hochschulen, Institute. Die Hauptfrage für die Initiative lautet: Kann Kirche und Gemeinde noch einmal neu Gestalt gewinnen für Menschen, die sie bereits abgeschrieben hatten? Wie kann ein neuer Aufbruch mitten hinein in die Lebenswelten der Menschen heute aussehen? In einer DVD beschreibt sie sich selbst mit »Kirche – erfrischend – vielfältig«. Ein Mann erklärt in dem Film, er wolle eintauchen in die Lebenswelt von Menschen in seiner Stadt und das Leben mit ihnen teilen. Ein anderer sagt: »Wir können die nicht einladen in einen Gottesdienst – das wäre ein Kulturschock.«

Diese Idee begeistert Roland Kutsche so, dass er sie, wo es geht, in Vorträgen propagiert. Ratlos jedoch wird er bei der Frage: Wie solche Gemeindepflanzungen in Sachsen umsetzen? »Derzeit jedenfalls sind wir hauptsächlich mit der restaurativen Erhaltung unserer Strukturen beschäftigt.« Immerhin hört er von einer guten, produktiven Unzufriedenheit.

Die hat Frank Lederer unlängst in der »CVJM-Fabrik« in Reichenbach im Vogtland auch unter den etwa 20 Leuten bemerkt, die dort den ersten Abend eines »fresh X«-Kurses besuchten. Von 19-Jährigen bis hin zu Senioren. Eine Privatinitiative des Fresh-X-Teams Vogtland/Zwickau. Menschen sollten in diesem Kurs ihre spezielle Begabung und Berufung entdecken, sagt Lederer. Um dann hinzugehen zu den Kirchendi­stanzierten. In Cafés, Kneipen oder Plattenbauwohnungen. Wo neue Gemeinden entstehen könnten. Auch wenn sie klein sind. »Beziehung ist das Entscheidende.«

Von den Kindern beispielsweise, mit denen Lederer und seine Mitarbeiter in der CVJM-Fabrik zu tun haben, hätten etwa 90 Prozent nie Kontakt mit Kirche. Einmal monatlich kommen sie im Projekt »Riesenhaus« zusammen, essen, spielen, betreut von Ehrenamtlichen. Über die Kinder kommen sie mit deren Eltern in Kontakt, die fragen, wie das mit dem Beten geht. Ein möglicher Ausgangspunkt für eine »fresh expression«.

Im Chemnitzer Stadtteil Hilbersdorf haben die Methodisten ein Haus angemietet, den »Checkpoint«. Kinder können dort spielen, basteln, Hausaufgaben machen, Theater spielen, wie Pa­stor Albrecht Weißbach sagt. Ein erster Ansatz für eine »fresh expression«.

Solle mehr daraus werden, brauche es aber Unterstützung von der Landeskirche, sagt Roland Kutsche. »Professio­nelle Gemeindeberater wären nötig und eine Struktur, ein Amt für missionarische Gemeindeentwicklung.« Mit Manja Erler hat die Landeskirche dafür immerhin eine Referentin. Sie hält »fresh expressions« für eine »spannende Sache«. Im Januar will sie als Vertreterin der sächsischen Landeskirche erste Gespräche mit Vertretern des Fresh-X-Netzwerks führen. Auch sie hält die Vielfalt solch neuer kleiner Gemeinden für belebend. Doch sollten sie durch Ortsgemeinden begleitet werden. »Es darf keine Konkurrenz geben, das führt zu Konflikten.« Dafür Engagierte müssten geschult werden. Grundsätzlich gehe es darum, »das Evangelium authentisch zu leben und miteinander Kirche zu sein«.

 

www.freshexpressions.de

 

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