Reformation ist immer

Für unseren Autor ist Reformation das Ringen um die Wahrheit, wie es vor Martin Luther schon (v. l.) Augustinus, John Wyklif oder Jan Hus verstanden – letzterer wurde dafür 1415 verbrannt.

Für unseren Autor ist Reformation das Ringen um die Wahrheit, wie es vor Martin Luther schon (v. l.) Augustinus, John Wyklif oder Jan Hus verstanden – letzterer wurde dafür 1415 verbrannt.

Jedes Jahr feiern wir den Reformationstag – um uns immer wieder unseres Weges zu vergewissern. So wie unser Autor, der von der katholischen zur evangelischen Kirche wechselte.



Von Arnd Brummer

Am 31. Oktober: Der Reformationstag? Ja, der Reformationstag! Einmal im Jahr an Luthers Leistung denken. Einmal im Jahr ermessen, was Christsein heißen kann. Eigentlich sollte jeder Tag Reformationstag sein. An jedem Tag sollte ich prüfen, was vom Überkommenen, von der sogenannten Tradition standhält in meiner Lebenswirklichkeit und was andererseits dem Verständnis des Evangeliums nicht länger zuträglich, sondern abträglich ist.

Aber da wir nun mal schwache Menschen sind, die im finsteren Tal umherirren, braucht es offenbar der Wegweiser, der Jahrestage, der festgelegten Daten, um uns an die Tatsache zu erinnern, dass die menschliche, auch die christliche Wahrheit unvollkommen bleibt. Angesichts des Unbegreiflichen, des unsere begrenzten Möglichkeiten Überfordernden, was wir der Einfachheit halber Gott nennen, haben wir Gedenktage eingerichtet.

Für Menschen wie mich, die ihre Reformation selbst organisiert haben, sogenannte Konvertiten, ist das Ereignis vielleicht noch anrührender als für jene, die in eine Kirche der Reformation – in ein Evangelischsein, in eine protestantische Familie – hinein geboren, hinein getauft, hinein erzogen worden sind.

Für mich war es bei aller Liebe zu vielen Menschen in meiner früheren kirchlichen Heimat ein unglaublicher Gewinn, in dieser Kirche der Freiheit angekommen zu sein. Hier wird ganz im Sinne Martin Luthers gestritten – wie derzeit um das Thema Familie: Die Geister lasset aufeinander prallen, die Fäuste haltet stille.

Es ist der Streit des Glaubens, der unter Menschen geführt werden muss, weil wir alle nicht wissen, wie der Weg zum Lichte des einzigen Gottes am besten zurückzulegen ist und wie wir am besten die befreiende Botschaft seiner Liebe durch Jesus Christus leben.

Das Gottesvolk unterwegs – ich stelle mir das vor wie die Trecks, die vor 150 Jahren von Amerikas Ostküste in den »wilden Westen« zogen. Und dann kamen sie zum Beispiel an einen breiten Fluss. Die einen schlugen vor, flussabwärts zu ziehen, dort werde der Fluss wahrscheinlich breiter und flacher, so dass man mit den Planwagen durchfahren könne. Quatsch, sagten die anderen, flussaufwärts müssen wir, da wird er schmal und da ist ein Wald. Wir können Bäume fällen und eine Brücke bauen. Eine dritte Stimme mischte sich ein: Gute Ideen! Aber wir haben nicht mehr genügend Proviant, wir müssen hier probieren, rüber zu kommen.

Was tun? Mehrheitlich entscheiden? Sich in mehrere Gruppen trennen? Und drüben sagen: Ihr hattet recht, unser Weg war der bessere! Vereint weiter ziehen? Getrennt bleiben?

Dieser Streit um den richtigen Weg, in bestem geschwisterlichen Sinn, das ist für mich, den Hinzugekommenen, die große Qualität der evangelischen Kirche: semper est reformanda – immer wieder neu zu sehen und weiter zu entwickeln! Das ist manchmal ärgerlich und anstrengend. Und manchmal muss »simul justus et peccator« (»zugleich gerecht und Sünder«) in »gut und nur gut gemeint« übersetzt werden. Herr, vergib uns unsere gute Idee von heute und schenke uns morgen eine bessere!

Aber das Ringen um die Wahrheit, die Reformation, begann bereits unter den Jüngern des Herrn, wie man im Galaterbrief des Paulus gut erkennen kann. Und dort steht jener Satz, der mich liebend gerne Protestant sein lässt: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!« Das haben vor Luther schon Augustinus, John Wyklif oder Jan Hus verstanden und nach ihm hoffentlich auch wir.
 

Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift­ Chrismon und Geschäftsführer der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.

 

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