Gemeinsinn statt Ego

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Die Ökumenische Friedens­dekade vom 10. bis 20. November fragt: Wie könnten solidarische Verhältnisse aussehen? In der Weltpolitik, in der globalen Wirtschaft, aber auch im eigenen Lande.
 

Von Tomas Gärtner

Solidarität hat einen positiven Beiklang. Gern wird das Wort deshalb auch von Politikern benutzt, wenn sie beste Absichten demon­strieren. Man hat noch die »uneingeschränkte Solidarität« im Ohr, die SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 im Verhältnis zu den USA einforderte. Im Dezember des vergangenen Jahres beschloss der Bundestag, zwei Patriot-Abwehrbatterien in die Türkei zu entsenden, als Akt der »Bündnissolidarität« innerhalb der NATO, wie eine Begründung lautete.

Reiner Braun sieht darin einen Missbrauch des Wortes. »Geht es nicht eher um regionale Großmachtpolitik, westliche globale Interessen?«, fragt der Geschäftsführer der Initiative »Juristen und Juristinnen gegen atomare, biologische und chemische Waffen« (IALANA). Kann, was letztlich Rüstungskonzernen zu Profiten verhilft, Solidarität genannt werden?

Die fragwürdige Verwendung des Begriffs ist ein Grund für die Organisatoren der Ökumenischen Friedensdekade vom 10. bis 20. November gewesen, ihn in diesem Jahr zum Motto zu erklären. Wohlweislich mit Fragezeichen: »solidarisch?«

Das Wort bezeichnet ein Verhältnis – in mannigfachen Zusammenhängen: in der internationalen Politik, im Verhältnis von Staaten zueinander, der Frage des Einsatzes militärischer Gewalt, in der globalen Wirtschaft, nicht zuletzt in den ökonomischen und sozialen Verhältnissen im eigenen Lande.

Wem nützt es? Dies ist für Horst Scheffler, den Vorsitzenden der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) die entscheidende Frage: »Bei echter Solidarität geht es um die Menschen und ihre Würde, bei falscher Solidarität dagegen um Opportunität zum eigenen Vorteil.«

Im Zentrum der diesjährigen Friedensdekade sollte eine aufs Gemeinwohl ausgerichtete Wirtschaft und Gesellschaft stehen, meint Schirmherrin Margot Käßmann. »Um ein Wirtschaften mit allen geht es, um Beteiligungsgerechtigkeit. Es gilt, einzutreten für ein Konzept von Gemeinschaft im Zeitalter der Vereinzelung, für Solidarität statt Egomanie in der Ich-Gesellschaft.«

Denn seit den Neunzigern hat sich die Schere zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik immer weiter geöffnet. Seit 2005 hat sich diese Tendenz ein wenig abgeschwächt, wie Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie festgestellt haben, die auch im jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung enthalten ist. Doch ob dieser Trend von Dauer oder nur ein vorübergehender Effekt ist, können die Wirtschaftswissenschaftler nicht voraussagen. Die gewaltige Kluft jedenfalls existiert weiterhin. Kein Anlass also, sich beruhigt zurückzulehnen.

Solidarität erfordere auch den Mut, Strukturen der Ungerechtigkeit aufzuzeigen und diejenigen beim Namen zu nennen, die von dieser Ungerechtigkeit profitieren, meint der Theologe Thomas Oelerich vom Forum Ziviler Friedensdienst. »Nächstenliebe und Solidarität erfordern mehr als Barmherzigkeit und Almosen.«

Theologen und Kirchen plädieren für eine »Ethik des Genug«. Für ein anderes Modell von Wohlstand, ein menschenfreundliches und nachhaltiges, eines, das Beziehungen und Kommunikation Raum gibt, das nach dem Sinn in der Arbeit fragt und danach, wie Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren sind und Zeit zum Feiern von Gemeinschaft bleibt.

Die Friedensdekade kann auch Gelegenheit sein, mit konkreten Forderungen zu beginnen. Das Gesprächsforum der Friedensdekade beispielsweise hat Gruppen und Gemeinden gebeten, Unterschriften zu sammeln – für eine Finanztransaktionssteuer als »Steuer gegen Armut«.

 

Mehr zum Thema in DER SONNTAG 44/2013, Seiten 3 und 5

 

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