Ein heikler Kunstfund

Hildebrand Gurlitt (1895–1956)

Hildebrand Gurlitt (1895–1956)

Der 80-jährige Sohn des aus Dresden stammenden Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt hortete in seiner vermüllten Münchner Wohnung ein halbes Jahrhundert lang etwa 1500 wertvolle Bilder der Moderne. Es dürfte sich um den spektakulärsten Kunstfund in der Geschichte der Bundesrepublik handeln. Er zeigt, dass uns die NS-Zeit auch 68 Jahre nach Kriegsende beschäftigen muss. Eine der vielen offenen Fragen lautet: Kann das Unrecht von damals heute wieder gutgemacht werden?

Die Nazis haben jene Kunstwerke damals als »entartet« diffamiert, ihren Besitzern geraubt, und der Öffentlichkeit vorenthalten. Die Bundesrepublik hätte moralisch betrachtet die Pflicht und Schuldigkeit, die Bilder zurückzugeben, irgendwann auch in Galerien zu zeigen.

Doch gerade das könnte sich als schwierig erweisen. Zunächst einmal muss geklärt werden: Wem gehören sie eigentlich, all die Picassos und Matisses, Marcs, Klees, Munchs und Beckmanns? Nach etwa 200 wird schon lange gesucht. Die rechtmäßigen Eigentümer zu ermitteln, bedeutet aufwendigste Recherche, die sich über Jahre hinziehen dürfte. Mit der Aufdeckung durch die Journalisten steigt nun immerhin die Chance, dass sich der eine oder andere Besitzer meldet.

Noch ist nicht abzusehen, wie viele Bilder sich zum Beispiel in jüdischem Besitz befanden. Hier wird es besonders heikel. Sollten die Aufkäufe von Vater Gurlitt, die erst der Raub durch die NS-Behörden ermöglichte, als rechtsgültig anerkannt werden, wäre das ethisch höchst fragwürdig. Zumal er mit der Behauptung, die Bilder seien 1945 in Dresden verbrannt, gelogen hat.

Womöglich aber bleibt der Sohn nach dem Gesetz Besitzer. Dann würde einstiges Unrecht fortgeschrieben.

Tomas Gärtner

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