Was ist dieses Leben wert?

230 Kinder mit Behinderungen betreuten die Diakonissen 1940 im Katharinenhof Großhennersdorf – mindestens 152 wurden bis Kriegsende ermordet. ( Foto: Archiv Dr.  Jürgen Trogisch / Repro: Steffen Giersch)

230 Kinder mit Behinderungen betreuten die Diakonissen 1940 im Katharinenhof Großhennersdorf – mindestens 152 wurden bis Kriegsende ermordet. ( Foto: Archiv Dr.  Jürgen Trogisch / Repro: Steffen Giersch)

Die Mörder von 100.000 Kranken und Be­hinderten in der NS-Zeit wollten auch heilen und dem Gemeinwohl dienen – warum diese Abgründe keine Vergangenheit sind.
 

Martin Wallmann kniet sich und streicht das Herbstlaub von der Platte. »Wir gedenken unserer 111 Brüder und Schwestern« steht darauf, und in Großbuchstaben: »Ermordet«. Noch leben in den Wohnhäusern des evangelischen Epilepsiezentrums Kleinwachau, dessen Direktor Wallmann ist, Überlebende der Krankenmordaktionen zwischen 1940 und 1945.

»Gott sei Dank war ich damals nicht in der Position. Wer weiß, was ich gemacht hätte«, sagt Martin Wallmann nachdenklich. »In der Gefahr stehen wir permanent auch heute: Immer mehr Menschen im hohen Alter, Pflegenotstand – das kommt auf uns zu. Die Gesellschaft muss sich entscheiden, was sie sich leisten will.« Das Einzige, was die Heutigen für die ermordeten Schwestern und Brüder tun könnten, sei, ihre Namen nicht zu vergessen, sagt Wallmann. Und aus den Wurzeln des Mordens zu lernen.

Die Täter waren Ärzte, die gleichzeitig für den Aufbau freundlicher Kinderkrankenhäuser kämpften. Der medizinische Leiter des Mord-Programms war der angesehene sächsische Psychiater Paul Nitsche. Ein Reformer, der die die Ursachen seelischer Krankheiten mit Liebenswürdigkeit und modernen Methoden bekämpfen wollte. »Es ist doch herrlich«, soll Paul Nitsche gesagt haben, »wenn wir in den Anstalten den Ballast loswerden und nun richtige Therapie treiben können.« Eine Medizin, die alles heilen können wollte, konnte die Unheilbaren nicht ertragen. Den Ballast. Er musste weg.

»Der Optimismus des Heilens steigerte sich zum Mythos der Heilbarkeit und vermochte in dieser Steigerung in sein Gegenteil umzukippen, in die Vernichtung«, schrieb der 2001 verstorbene Leipziger Kirchenhistoriker Kurt Nowak, der als Student in der DDR im Katharinenhof Großhennersdorf behinderte Kinder gepflegt hatte.

Den Mythos der Heilbarkeit gibt es auch heute. Behindertes Leben muss nicht sein, versprechen neue Methoden der vorgeburtlichen Diagnostik. 95 Prozent der Kinder im Mutterleib, bei denen das Down-Syndrom festgestellt wird, werden nach Angaben der Bundesärztekammer in Deutschland schon vor der Geburt getötet. Neue Verfahren werden noch mehr vorgeburtliche Selektion zulassen und sie noch mehr vereinfachen.

Dann wird es weniger behinderte Menschen geben. Und die, die dennoch leben, werden sich mit ihren Eltern womöglich schmerzhafte Fragen anhören müssen: Hätte man das nicht verhindern können? Es kann ein Druck entstehen, wie ihn jene Eltern kannten, die nach 1940 duldend, still leidend oder schamvoll erleichtert vom Tod ihrer behinderten Kinder erfuhren.

Der zweite Kern des Mordes an den Schwächsten war von ganz profaner Natur: Es ging um Geld. Weil die Kassen im Krieg knapp wurden, weil Flüchtlinge und Bombenopfer Platz brauchten, mussten »Nicht-Arbeitsfähige« weichen. Erst Behinderte, später auch schwer erziehbare Jugendliche und demente Alte. Die Solidargemeinschaft sollte entlastet werden.

»Ich habe mich immer gefragt: Wie hättest du dich damals entschieden?«, sagt der Kinderarzt Jürgen Trogisch, der mit seiner Frau ab 1970 zwei Jahrzehnte behinderte Kinder im Katharinenhof Großhennersdorf betreute und Spuren der Morde sammelte. Die Gründe der Krankenmorde sind für ihn wie ein Virus, der in unterschiedlichen Formen immer wieder zurückkehrt. Jetzt vielleicht in Gestalt des Pflegenotstands.

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird allein in Sachsen bis 2030 um fast 50 Prozent steigen. Keiner weiß, wie für sie Pflege und medizinische Versorgung bezahlt werden. Schon gab es erste Diskussionen, ob Ältere noch aufwendige Behandlungen finanziert bekommen. Die Kosten-Nutzen-Rechnung lebt fort. Und auch ihr Abgrund.

Andreas Roth

Mehr zum Thema in DER SONNTAG 45/2013 auf den Seiten 3 und 5.

 

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