Hörst du nicht, Gott?

Ein Stein steht für eine Bitte, eine Kerze für einen Dank: Beim Friedensgebet in der Dresdner Kreuzkirche legen Christen diese Symbole bei ihren Fürbitten auf dem Altar ab. (Foto: Steffen Giersch)

Ein Stein steht für eine Bitte, eine Kerze für einen Dank: Beim Friedensgebet in der Dresdner Kreuzkirche legen Christen diese Symbole bei ihren Fürbitten auf dem Altar ab. (Foto: Steffen Giersch)

Viele Christen beten für Frieden in Syrien, aber das Grauen hält an. »Bittet, so wird Euch gegeben«, hatte Jesus gesagt. Da kann man ungeduldig werden.
 

Als im September Amerika Syrien mit Raketen drohte, beteten sie vor der Kreuzkirche bei einer Mahnwache. Für den Frieden. Und siehe: Der Angriff blieb aus. Was aber auch ausblieb, war der Frieden in dem von Gewalt zerfurchten Land. Keine Macht gebietet ihr Einhalt. Wurde die Bitte der Friedensbeter nun erhört? Oder nicht?

Christine Oettel (74) nimmt den kantigen Stein vom Altar und knetet ihn, als wollte sie seine Kanten glätten. »Ich möchte bitten für die Menschen in Syrien«, sagt die große weißhaarige Frau in der erdroten Strickjacke. »Möge die Syrien-Friedenskonferenz zustande kommen. Herr, bitte, schenke Du Frieden.« Dann legt sie den Stein auf dem Altar ab. Wie eine Last. Das kleine Häuflein derer, die jeden Montag in der Dresdner Kreuzkirche für den Frieden beten, singt »Verleih uns Frieden gnädiglich«. Kräftig ist der Gesang, aber das Alter bricht schon manche Stimmen.

Draußen macht der gegnerisch-finstere November wenig Mut. Drinnen in der Schütz-Kapelle der Kreuzkirche künden die nur grob verputzten Wände von Wunden und Wundern. Die Wunden hat der Krieg am 13. Februar 1945 geschlagen. Die Wunder datieren auf den Herbst 1989, der hier eine seiner Quellen hatte.

Damals hat Louise Willey (54) im australischen Canberra vor dem Fernseher geweint. Jetzt reist die studierte Volkswirtschaftlerin so oft wie möglich nach Leipzig oder Dresden, um in den Kirchen mit für den Frieden zu beten. »1989 hat mir gezeigt: Es ist doch möglich«, sagt die kleine Frau in gepflegtem Deutsch. »Man kann Wunder nicht herbeirufen, aber ermöglichen.«

Syrien wirkt wie das Dementi von 1989. Auch in Syrien haben Menschen friedlich, mit Mut und Gottvertrauen demonstriert – doch was geschah? Christine Oettel, gelernte Lehrerin und langjährige Katechetin, erzählt der Friedensgemeinde die Geschichte Jesu von der bittenden Witwe. Die so lange um Gerechtigkeit bat und nervte, bis sie Recht bekam (Lukas 18). Macht es genauso, wollte Jesus damit sagen. Er sagte auch: »Bittet, so wird Euch gegeben« (Matthäus 7). Syrien stellt die Frage: Bitten wir zu wenig? Oder gibt Gott nicht? Oder?

»1989 sind auch jahrzehntelange Gebete vorausgegangen«, sagt Christine Oettel. »Ich habe ein großes Vertrauen, dass Gott den rechten Zeitpunkt weiß, wann er unsere Gebete erhört.«

Aber manchmal fragt sich auch Christine Oettel: Warum dauert es so ewig? Ungeduld und Enttäuschung kennt auch die weit gereiste Beterin Louise Willey neben ihr. »Aber ich bin mehr von Menschen enttäuscht. Und wenn ich ungeduldig bin, dann mei­stens mit mir selbst.«

Syrien ist weit. Rückt das Elend nah heran, kann es auch dem Gebet die Sprache verschlagen. Eine Bekannte von Christine Oettel, die viele Jahre montags mit ihr gegen das Elend dieser Welt gebetet hatte, muss heute unvorstellbare Schmerzen erdulden. »Ich verstehe nicht, warum diese Frau so leiden muss«, sagt Christine Oettel. Was dann noch bitten, wenn das Bitten so augenscheinlich nichts hilft?

Jeremia in der Bibel kannte diese Frage. Die Beter der Klagepsalme auch. Einer hat sie bis zum bitteren Ende durchlitten: Jesus von Nazareth, und in ihm – so sagt der Glaube – Gott selbst. »Nimm diesen Kelch von mir«, hatte er im Angesicht seiner drohenden Hinrichtung Gott angefleht. Und am Kreuz laut gerufen: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?« Es waren dies nach dem Markusevangelium seine letzten Worte. Dann starb er.

»Manchmal fehlen einem die Worte im Leid«, sagt Christine Oettel. Aber indem sie den kantigen Stein ihrer Bitte für Syrien in der Hand wendet und auf den Altar legt, hofft sie gegen allen Augenschein, dass sie etwas abladen kann. Dass da noch jemand ist, der sich drum kümmert. Dass sie nicht allein ist. Und die Syrier auch nicht. Sie wird vor Gott keine Ruhe geben.

Andreas Roth

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